Vom Tag an dem der große Tsunami kam

Vom Tag an dem der große Tsunami kam, oder warum Meeresnixen in fremden Gewässern schwimmen.


Es ist alles eine Frage der Ordnung. Ordnung der Dinge, denn die Dinge wollen nun einmal geordnet werden. Hält man sie in Unordnung schwirren sie – brummenden Hummeln gleich – chaotisch durch Zeiten und Räume. Wie Elektronen die ihre Bindung zu Neu- und Positronen verloren haben. Wie Waldmeistereis zwischen Käsekuchen auf feinen Häkeldeckchen. Wie Freiheit die zur Flucht verkommt. Wie ein stolzer Baum – eine Linde vielleicht – deren Krone im warmen, feuchten Erdreich weilt. Wie ein Kamel im Kochtopf. Und dann? Bumm! Hiroshima! Mỹ Lai! Soweto!

Fluchtrefelxe | Selbstportrait

Fluchtrefelxe | Selbstportrait

Mein persönliches, kleines Hiroshima spielte sich an jenem besagten Tag irgendwo zwischen Klein und Großhirn ab. Ungeordnet, pendelnd, entfesselt. Ein einsamer Moment den ich nutzte darüber nachzudenken was ich die letzten Jahre getan hatte. Hatte ich gelebt? Ich meine was hatte ich wirklich getan? Nicht was hatte ich mir vorgenommen zu tun, oder was hatte ich mir nicht vorgenommen zu tun – was hatte ich mir vorgenommen nicht zu tun, 0bwohl ich gleichzeitig in festem Glauben war ich hätte mir vorgenommen es zu tun. Das verzwickte an solchen Situationen ist, dass es praktisch unmöglich scheint die einzelnen Elementarzustände deutlich voneinander zu trennen. Was war Idee und Vorhaben? Was wiederum die Idee einer Idee? Und was bloß Traum von einer Idee einer Idee? Hintergrundrauschen. Weißes Rauschen. Grautöne, verschwommen wie das tintenfischschwarz und das seesternblau der Tiefsee. Unsortiert und undefinierbar. Ich gebe gerne zu das mein Leben nicht wirklich ein Wachzustand ist. Ich bin eher ein unermüdlicher Wanderer im Nebel. Dem berauschenden Nebel der tiefen See. Pendler zwischen Spähren von unendlich vielen Hiroshimas und beeindruckend schönen Mỹ Lais. Rastlos die Seele, gedünstet wie das Kamel im Kochtopf, kopständig wie die stolze Linde im schwarzen Mutterboden. Dieses ferne Rauschen aber schien wirklich zu sein. Es war deutlich zu vernehmen, doch friedlich wie das Rauschen der Lindenblätter im lauen Sommerwind. Es war da und umhüllte mich zur Gänze. Es lebte, zitterte und umspülte mich. Fern zwar, doch dauerhaft und unermüdlich. So schwamm ich nun dahin – an jenem besagten Tag – in diesem sanften Rauschen. Begleitet von den Tintenfischen und den Seesternen. Über uns flogen gottgleich die Hummeln Sowetos und wachten über uns. Sie wußten dies war mehr als notwendig, denn das tiefe Rauschen des Hintergrunds, das einlullt, das einen schläfrig und unvorsichtig werden lässt scheint nur plan- und orientierungslos. Es bemüht sich der Methode der Verschleierung, denn im eigentlichen Grunde ist es zielgerichtet, sehr zielgerichtet. Ein rauschender Fluß hin zum Ozean der fernen Meeresnixen. Adagio con Molto. Schwere See mein Kind. Die Hummeln wachen über uns, bereit uns im rechten Unmoment vor den herannahenden Nixen zu warnen. Doch auch die wachsamsten Hummeln konnten mein kleines Hiroshima an diesem Seelenlostag nicht verhindern. Sie kamen aus der Tiefe. Sie kamen wie das Tiefenrauschen. Sie überwältigten uns aus dem Hintergrund. Sie überwanden unsere Mauern. Zunächst dran glauben mussten meine treuen Begleiter, die Tintenfische und Seesterne. Und dann zerrten sie an mir, dem einsamen Wanderer zwischen den Elementen. Sie zerrten von allen Seiten. Es waren viele, doch ich vermochte sie nicht zu unterscheiden. Sie sahen alle völlig identisch aus. Eine wie die andere – eine wie die andere engelsschön. Während die Hummeln in wilder Verzweiflung melodisch brummten umgarnten sie mich, zerstörten meinen sorgsam gehegten Schutzwall. Sie bissen mir Ohr und Finger ab. Sie leckten an meinen frischen Wunden. Sie drückten mir mit kaltem Stempel ein Kainsmal auf meine schweißnasse Stirn. Am Ende zogen sie das was noch von mir übrig war mit sich in eine auch ihnen fremde Tiefe. Tiefer noch als selbst sie es jemals zuvor wagten. Stiller noch als es die unendliche Stille von Hiroshima sein könnte. Ich wusste nicht mehr was heute, morgen oder gestern. Hatte das Kamel es aus dem Kochtopf geschafft? Atmen die Blätter der Linde wieder frische Sommerluft? Lebten die Kinder Mỹ lais wieder? Hatte ich das letzte Bier am gestrigen Abend bezahlt, oder die Zeche geprellt? Ein Zechpreller am Leben. Die Nixen summten. Sie summten ihr Lied der Freiheit. Sie zogen mich weiter in die unbekannte, die unschuldige Tiefe des fremden Gewässers. Sie träumten, sangen und plapperten von Freiheit doch mir schien ihre Freiheit nichts weiter zu sein als Flucht. Als ein nie endendes Rauschen im Hintergrund, als mein Hintergrundrauschen!

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