Vom Schwarzfahren und vom Leben der Krokodile in der Kanalisation zwischen Nagel- und Fleischstraße!

Es regnet, oder es schneit! Es ist verdammt kalt! Die Heizung streikt, der Briefkasten wird zum Asyl für unerwünschte und vor allem unbezahlbare Rechnungen. In der Küche findet sich keine saubere Tasse mehr für den morgendlichen Kaffee. Der Kopf tut weh von unsinnigem Nachdenken darüber wie lange es dauert bis endlich wieder Sommer ist, oder die nächsten Semesterferien beginnen. Die Augen suchen verwirrt den verdammten Knopf auf dem Scheißwecker. Es lärmt und dröhnt in einem fort. Die jungen Menschen über mir trommeln seit 2 Tagen (gefühlt sind es Monate) das gleiche Lied. Eigentlich ein Tag wie jeder also, der mit Macht die Nacht vertreibt. Ein Tritt gegen die Heizung. Sie scheppert, denkt aber gar nicht daran zu reagieren. Ich fordere eine Gehaltserhöhung, Feiertagszuschläge, kostenlose Busfahrkarten und mehr Erholungsurlaub in Damp für alle Heizungen dieser Welt, mindestens aber für die meine! Irgendwie beschleicht mich das miese Gefühl, dieser Tag wird es in sich haben und mein, oder ganz und gar nicht mein Tag werden.

Bei einer der letzten Aufwachsituationen, irgendwann, hatte ich den Eindruck irgend eine saugute Lady hätte die Nacht neben mir verbracht, was meistens leider ein ziemlicher Trugschluss ist. Heute bleibt selbst dieser Eindruck aus.  Also irgendwas angezogen und testen ob der CD-Player heute funktionieren mag, oder auch für bessere Arbeits- respektive Lebensbedingungen in den Ausstand tritt.

Es ist faszinierend wie gleichgültig es dem Kaffee ist in welcher Tasse er sein trauriges Dasein fristet. Ist es die von gestern, oder doch eine frisch gespülte aus dem Küchenschrank mit der kaputten Tür? Es scheint ihm egal und mir gleich doppelt egal. Vorsichtig die Wohnungstür öffnen und einen Blick durch den Spalt riskieren. Könnte ja sein, dass die Alte von ganz oben wieder auf der Zwischenetage lauert um irgendein doofes Gespräch zu beginnen. Irgendwie ist die komplett neben sich und mich versteht sie meistens nicht im geringsten. Dann runter zum Briefkasten und selbigen von seiner Last befreien. Es ist eine klasse Idee vom Hausmeister gewesen die Papiermülltonnen direkt am Hauseingang zu platzieren. Das erleichtert das ungelesene Wegwerfen von unerwünschten Postwurfsendungen genauso wie von unerwarteten und hassenswerten Rechnungen. Ich kriege das mittlerweile sozusagen mit einer geschmeidigen Bewegung hin. Perfekte Choreographie. Ja, das erfüllt mich mit Stolz!

 Der Tag kann also kommen. Ich bin gut vorbereitet, irgendwie kämpferisch. Erst vor wenigen Tagen habe ich dem verdammten Schnee den Krieg erklärt. Ich meine was fällt ihm auch ein tage- oder wochenlang vom Himmel zu fallen und das auch noch mit dreister Nutzlosigkeit, denn auf Boden und Dächern liegen bleibt er doch sowieso nicht. Überhaupt wäre es gerade mehr als schön mit einem seiner Lieblingsmädchen am Flussufer rumzugammeln, bei erträglichen Temperaturen und den unglaublichen Sonnenuntergang zu bestaunen. Und bei jedem Blick nach oben würde uns ein neuer Stern auffallen, so einer der gestern ganz bestimmt noch nicht da war. Ganz nebenbei könnte man mit großem Pathos so wichtige Dinge wie „Ich spaziere gerne durch den Wald, denn da sind so viele Bäume“, oder „Ich hasse Waldmeistereis, weil es nach Waldmeister schmeckt“ kundtun. Ein rundum gelungener Abend also. Manche Abende besitzen eine philosophische Größe. Stattdessen sitze ich mit mittlerweile leerer Kaffeetasse ein Stockwerk über dem Einkaufsgetümmel und denke über den heutigen Schlachtplan gegen den scheiß Schnee nach. Man braucht eine gute Strategie, möglichst für jeden neuen Tag!

 Gut gerüstet mit perfekter Strategie geht’s raus auf die Straße. Ins pulsierende Leben der Metropole. 100 Meter bis zur Bushaltestelle. 100 Meter bis zum entweder lustigsten oder traurigsten Teil des Tages. Man muss immer offen sein für das was einen erwartet. Auch die beste Strategie birgt ein Risiko in sich. Welches? Totales Versagen! Der Strategie natürlich. Man selbst sollte immer eine supertolle Ausrede parat haben. Also reingequetscht in den Bus mit dem Stern. Sitzplätze gab es gestern. Heute muss man irgendwo zwischen lärmenden Kindern und schönen Menschen in topmodischen Jogginganzügen rum stehen. Eigentlich eine sehr philosophische Angelegenheit. Man steht und rollt doch, wird samtweich oder böse rumpelnd fortbewegt. Idiotisch sind Dinge immer erst dann, wenn man sich nicht traut über sie, ihre Tiefe und Erhabenheit, nachzudenken.

 In solch überfüllten Bussen kann man jeden Tag nahezu unglaubliche Dinge entdecken. Fast schon Weisheiten. Die alte Frau, die jeden Tag die gleiche Geschichte irgendwelchen Zuhörern erzählt, welche diese Geschichte eigentlich auf keinen Fall hören wollen. Ich warte gebannt jeden Tag auf eine Neuigkeit, eine Nuounce, eine winzige Änderung im Erzählstrang. Doch nichts. Da merkt man was echte Einsamkeit ist. Manchmal habe ich schon fast Mitleid. Die Ablenkung kommt von links. Zwei ziemlich junge Frauen unterhalten sich angestrengt über die Mühen ihres Erstsemesterstudienalltags. „Ja echt…finde ich auch…und das ist aber doof…was studierst du denn eigentlich? Pädagogik, ja das ist toll. Und die Busverbindungen sind Scheiße, aber die A/B-Foyer-Party war wieder super. Ich? Ich studiere Geo. Ja ist echt voll anstrengend….“. Ich würde mich gern in zutiefst fachlicher Weise einbringen in dieses Gespräch und den beiden erläutern was überfüllte Stammkneipen, Busse und Copy-Shops mit jungen Erstsemseterpädagogikodersostudentinnen zu tun haben. In eindringlicher Weise mein beschissenes Lebenslos darstellen, warum FachsemesterEinsgeologiestudentinnen Mitschuld daran sind, dass ich die coole Wohnung mit beinahe grünem Garten in der Südstadt nicht bekommen hab und warum es während des Semesters so schwierig ist Schwarz zu fahren, weil die ollen StudentInnen ja alle eine Fahrkarte haben und ich mit ohne dann besonders negativ aufzufallen scheine. Ich finde man sollte neben jeden Ersti eine möglichst alte Dame mit unglaublichen Geschichten über Bluthochdruck und rheumatische Beschwerden setzen. Das Leben ist keine A/B-Foyer-Party.

 Den Tag verbringe ich dann damit möglichst nutz- und sinnlose Dinge zu vollbringen. Es kommt mir fast so vor, als wäre es nur das Verwalten der Zeit zwischen zwei Busfahrten. Man muss sich beschäftigen dazwischen. Mit irgendwas unnützem, damit man nicht verrückt wird. Verrückt vor Anspannung und Vorfreude. Eine Weile kann man gegen sich selbst Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen. Anschließend drängt es sich gerade zu auf darüber zu sinnieren, warum es keine wirklich gut aussehende Busfahrerinnen zu geben scheint. So habe ich auch heute wieder prima meine Zeit verscheuert und stehe gut gelaunt an der Haltestelle, bereit das Abenteuer Rückfahrt anzutreten. Es hat Größe, wenn man sich in Gespräche von jungen ErstsemesterBWLstudenten einmischt. Ihnen kluge volkswirtschaftliche Hinweise zum Umgang mit Traumfrauen und Klopapierverpackungen gibt. Ihnen erklärt, dass es die absolut besten Cocktails der Stadt in einer netten Kneipe im äußersten Nordteil der Stadt gibt und wie man da am besten mit öffentlichen Nutzfahrzeugen hinkommt. Sie aber gleichzeitig darauf hinweisen, dass es auch in dieser Stadt Gegenden gibt, wo man als BWL-Student nur mit lustiger rosa Pudelmütze herumstreifen kann, weil man sonst Gefahr läuft mit Mitarbeitern des städtischen Ordnungsamtes verwechselt zu werden. Ja, ich bin süchtig nach solchen Busreisen. Man bekommt viel für wenig Geld. Und am Ende kann man mit stolz geschwellter Brust das Fahrzeug verlassen und die 100 Meter nach Hause sicher und behütet zurücklegen.

 Zuhause angekommen, das Spülen von Kaffeetassen noch mal um ein bis zwei Tage verschoben. Es mag banal klingen, aber ich glaube ich habe gerade eine kleine Gruppe gut gelaunter Krokodile aus der Kanalisation empor steigen gesehen. Wo die wohl hingehen oder hinfahren? Zur überfüllten Stammkneipe? An die Uni? Zum hochinteressanten „Ich traf Karl Marx im Traum heut Nacht“-Seminar?

 

[weiteres aus der Serie "Dinge die einem durch den Kopf gehen...":]

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