Die Jahre werden still,

–die Seele so welk, wie das Liebesleben eines Datenstroms - Digitalisiert -

Von der unglaublichen Trägheit des Seins

Es gibt Tage, die scheinen nie vorüber zu gehen. Die dehnen sich mit nahezu übernatürlicher Geschwindigkeit endlos in den Weiten des Alls aus. Die sind wie ein viel zu lange gekauter, fahler Kaugummi. Die bestehen aus nichts weiter als Wiederkehr, schier endloser Wiederkehr, welche sich in all ihrem Wiederholen beschleunigt und wieder beschleunigt, weil Energie endlos vorhanden scheint. Ma Vlast – Adagio con molto – a priori ein ewiges Fließen, Zerfließen, Dahinfließen und endlich, doch kaum endgültig, Zusammenfließen. Er betrat diesen Tag praktisch durch die Hintertür. Er fühlte die Unendlichkeit und wusste in tiefstem Innern doch sehr genau, dass auch dieser Tag, wie alle anderen vor ihm, vergehen würde. Er spürte die Trägheit des Herzens, doch weder empfand er Sünde, noch verspürte er Reue. Er betrat diesen Tag und es war seine Bühne. Groß und hell und mit allem ausstaffiert, was das Theater des Lebens so zu bieten hat. Ein leerer Saal und eine Bühne, an den Rändern gespickt mit Wesen die er kannte. Er fühlte sich viel zu klein, auf viel zu großer Bühne. Mit einem Herz, so Weiß und Rein, mit einem Blick so Starr und Wund. Man kommt von der Arbeit nach Hause, dachte er, und der Tag der mag nicht enden. Verfolgt einen, verflucht einen, lässt nicht locker und lässt nicht los.

Adagio con molto! Smetana! Erst steht der Ton im Raum, um sich sogleich wild kreisend und tanzend von Wand zu Wand zu schwingen. Ästethik des Augenblicks und Verrücktheit der Situation in einem. Kafkaesk, wie ein verdammter Käfer, liegt er da auf dieser matt erleuchteten Bühne und lässt sich von den fließenden Tönen umspielen. Und all die Wesen aus seinem Leben betrachten ihn grinsend. Halten ihm Spiegel vor die Nase und er sieht, er ist alt geworden. Die Töne sind den Raum nicht wert, indem sie hallen, denkt er. Das Spiegelbild ist verkehrte Wirklichkeit. Die Wesen, gehasst und geliebt, sind Vergangenheit. Bloß Spuren von Anwesenheit, welche sich auf dieser Bühne verlieren um endlich zu vergehen. Und die Bühne verschwand! Freunde schöner Götterfunken; lasst uns Freunde sein, lasst uns Brüder sein. Der Tag geht seinen Weg. Unaufhaltsam, aufgesogen und ausgespieen von einem schwarzen Loch, Milliarden Lichtjahre von der sterbenden Bühne entfernt. Ein Körper verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen, geradlinigen Bewegung, solange die Summe aller auf ihn einwirkenden Kräfte Null ist! Er kannte jeden Millimeter des Pflasters auf dem er schritt. Jede Unebenheit, jede ausgespülte Fuge und jeden zersplitterten Stein. Er kam die Gasse vom Hradschin herunter, eilte wütend vorbei an der amerikanischen Botschaft und spähte hinunter auf den erhabenen, grauen Strom. Vltava – Adagio con molto! Ton ist Schwingung. Schwingung ist Impuls. Impulse erzeugen Wellen. Wellen brechen am Ufer. Am Ufer gestrandet, mit einem Blick, den Wellen folgend, saß sie. Sie ist schön, sie ist stark. Sie ist Begierde, Lust und Unantastbarkeit, wusste er. Und ebenso war ihm klar, morgen vielleicht schon würde sie alt sein. Zerbrechlich, ängstlich und geschunden. Jetzt sitzt sie am Ufer und spürt den Impuls. Jetzt ist sie schön und stolz, doch was wird morgen sein? Dieser Moment ist ihre Bühne, wellenumtosst und wild und frei. Ein Mensch verharrt in seinem Zustand der Ruhe oder der gleichgültigen, geradlinigen Gefühlswelt, solange die Summe aller auf ihn einwirkenden Geilheit gleich Null ist. Er setzt sich neben sie, dort unten an den Fluten und spürt wie nebenan ein Körper zu Asche zerfällt. Es wird kalt und er steht auf. Das Pflaster zerfließt unter seinen Schritten wie Schleim. Er zieht eine Spur im Nichts und der graue Fluss verschwindet im Nirgendwo. Er ist zuhause und starrt die Flamme im Ofen an. Irgendwer auf dem Anrufbeantworter, diesem Abwesendunddochdateil, möchte erfahren wie es ihm geht. Irgendjemand muss noch viele endlose Tage wie diesen auf die Antwort wartet, und er, er schmeißt den Anrufbeantworter, diese Ikone der Zivilisation in den Müll des Nachbarn. Trägheit der Sinne und Trägheit des Gedankens. Dieser tag ist eine Droge und dieses Nachhausekommen dauert viel zu lange. Was flackert da im Ofen und täuscht mit wohliger Wärme? El hombre es el fuego? Was will dieser Mensch, der nach dem Befinden fragt? La mujer la estopa? Was bezweckt diese Wärme, diese Strahlung aus dem Irgendwo? Verarschen, Verwirren, Einlullen? Viene el diablo y sopla? Aus dem Nichts ertönt ein alter Song aus anderen Zeiten. Die Worte bahnen sich ihren Weg, kriechen über den Teppich, umrunden den Tisch, knabbern notgeil an seinen Ohren und befördern ihn vom Hier und Jetzt in staubige, verlassene Vergangenheit…

 

…wo habt ihr diese
kalte Zuversicht her?
Aus den Tiefen eurer Seele
ich dacht´ da lebt schon lange nichts mehr!
Kein Wünschen und
kein Hoffen.
Die Jahre werden still,
die Seele so welk,
wie das Liebesleben
eines Datenstroms
- Digitalisiert -

 

Wo habt ihr diese
weiße Weste her?
Aus dem Kaufhaus um die Ecke?
Ich dacht´ da gäb´ es so was schon lange nicht mehr
Keine Schuld und
keine Sühne.
Die Sinne werden taub,
die Seele so welk,
wie das Liebesleben
eines Datenstroms
- Digitalisiert -

 

Wo habt ihr dieses
Siegerlächeln her?
Von der Tanke gegenüber?
Ich dacht´ da gäb´ es so was schon lange nicht mehr!
Keine Sieger und
keine Helden.
Die Augen werden blind.
Die Seele so welk,
wie das Liebesleben
eines Datenstroms
- Digitalisiert -

 

Worte nur! Doch rein und wahr. Worte aus längst vergangenen Tagen, welche ewig sind. Er schaute in die Flammen. Ein Tanz, wild zuckend. Ambivalenz in ursprünglicher, in reiner Form. Wohltuende Wärme und beruhigender Tanz, doch zerstörrerisch und gewalttätig. Vernichtend bei Zeiten, eine Waffe der Naturgewalt. Er roch ihre Schönheit und fühlte ihre kleinen Brüste angelehnt an seinen Arm. Gudrun Ensslin! Schön, erotisch und begehrenswert. Eine unberechenbare Waffe. Eine Waffe der Begierde und ein gefallener Engel des Todes. Andreas Baader war ein Arschloch, dachter er. Das einzige Wort, welches er wahrhaftig denken konnte war Fotze. Sein Freitot nur konsequent und notwendig. Sie war zart und empfindsam und fiel doch endlich und wurde zur Waffe. Er war verliebt in die Ästethik des Todes. Ambivalenz, endlose, feuchte, erregende Bewegung. Wie ein Pingpong-Ball zwischen allen Welten. Perpetomobile in letzter Konsequenz. Er lebte in der Stadt, in der Holger Meins im Knast an Unterernährung elend zu Grunde ging. Gudrun verschwand mit der letzten, ersterbenden Flamme und würde vielleicht nie wieder kommen. Doch er wusste, ihr Bild, ihr Geruch bleibt in aller Konsequenz und in letzter Trägheit! Trägheit des Herzens. An einem Tag wie diesem, der nie vorüberzugehen scheint wird jedes Symbol, jeder kleine Anhaltspunkt enorm wichtig. Wächst wahrhaft zu einem großen Gedanken heran. Einem Gedanken, der alle Grenzen sprengt und alle Gräben überwindet. Zu einer Idee, die träge Herzen herausreißt, zerpflückt und dem Nordwestwind übergibt, der sie fortträgt in die Weiten des Nichtmehrdenkenkönnens, in den Kosmos des Nichtmehrfühlenkönnens. Er fühlte sich wie eine Sardine, eingesperrt in einer blechernen Sardinenbüchse. Er dachte und seine Gedanken formten Worte. Wie eine verdammte Maschine. Idee – Gedanken – Worte – These – Antithese. Doch diese Maschine funktionierte nicht richtig. Auf seinem inneren Display blinkte unaufhörlich “Malfunktion”! Keiner, weder von dieser, noch von jener Welt verstand diese Worte, diese von der Maschine Hirn ausgespieenen Buchstabenfragmente. Auch das Display des Anrufbeantworters wollte fröhlich blinkend mit ihm reden. Eine 1, was soviel bedeutete wie, “Hey Mann, da will jemand wissen wie es dir geht!” Hartnäckig, dachte er. Selbst in die Tonne getreten wollen diese Wunderwerke unserer Informationsgesellschaft einem noch aufdringlich beweisen, wie verdammt wichtig sie doch sind. “Sie haben eine neue Nachricht!” Bullshit, dachte er, Ich habe eine verdammte Nachricht! Eine Nachricht nur für Verrückte und eine Nachricht an die ganze bescheuerte Welt da draußen! Doch was tun, wenn niemand die Worte versteht, wenn niemand in der Lage die Gedanken zu einem Konzept zu formen? Das Treibgut all der kommenden Tage und Nächte zu ordnen.

 

Should’ve known what that wolves wanted
Never told – but I tried – I tried
All they stole left me brocken hearted
they left me there to die!

 

Einen Tag später würde die Müllabfuhr kommen und sich die Tonne mit dem Anrufbeantworter schnappen. Alle Worte, alle Gedanken, alle Fragmente waren weg. Keine Idee bleibt auf ewig, kein Gedanke ist zu Ende gedacht! Ein Scherzo von Sibelius vielleicht? Eine Blumenwiese, ein Herbstwald, ein Regentropfen auf der Fensterscheibe?! Ein Glas ein zuviel und von allen Drogen etwas. “Mit allem!?”, wie der nette Dönermann zu sagen pflegt und “…welche Soße?” Leben ist ein Labyrinth und das Labyrinth ist Leere. Buddha lehrte ihn, dass es diese Leere gibt. Siddhartha lehrte ihn, dass es diesen Nichtraum gibt, ja geben muss. Leben scheint eine Zwangsläufigkeit. Er saß auf einem Stuhl in einem ansonsten leeren Raum. Der Raum hatte keine Fenster und nur eine Tür. Siddhartha stellte ihm die Frage, ob der Stuhl noch existiere, wenn er aufstehen würde und den Raum durch die eine Tür verließe. Ist der Stuhl nur existent, wenn er wahrgenommen wird? Bin ich nur existent, wenn ich wahrgenommen werde? Er wusste, selbst dieses Ich ist nur aufgrund der eigenen Wesensbildung und Wahrnehmung Wirklichkeit. Im Grunde gibt es dieses Ich überhaupt nicht. Er musste grinsen, denn er dachte daran, dass er obige Frage in einer lauen Sommernacht der schönen Frau, welche neben ihm im Bett lag, gestellt hatte. Sie, komplett verwirrt, hatte nicht im geringsten verstanden, was er von ihr wollte. Er wusste nicht mehr, ob es vor oder nach dem Sex war, aber er erinnerte sich, es war unendlich guter Sex. Ich bin, dachte er. Ein weiterer Versuch:

 

Nur ein Stein

 

Ein Stein im dünnen, milchigen Äther des Morgens
Nicht mal schön
grau und klein, nicht mal schwer
Nicht mal rund genug um einen Weg
vom Gestern vielleicht ins Heute zu rollen
Statisch – Stillstand
Sorglose Koexistenz
So ist sie die Natur
Vielleicht nichts weiter
als eine billige, schäbige Mode?
Eben nur ein Stein…
…oder nur Schein?!

 

Wenn die Nacht am tiefsten. Das Feuer hatte sich verbraucht. Nur noch hellrote Glut strahlte Wärme ab. Auch er war am glühen, innerlich und doch war es ihm so unendlich kalt. Er versank in den Tiefen des weiten Raums. An manchen tagen scheint die See schwerer, als an anderen. Bedächtig schritt er die Rambla hinab, um von dort auf den Kungstorget zu gelangen. Hier bog er zielsicher auf die Kings Road ab, welche bereits nach kurzem in das uralte Pflaster der Straße Ujezd mündete. Er umrundete die Kleinseite und stolperte über den Passeig des Gracia an der Casa Battló vorbei um schlussendlich auf dem Hans-Alberts-Platz zu stranden. Eine Weile saß er dort, direkt neben dem hässlichen Denkmal und flirtete und lachte mit den Nutten. Hier hat er sich schon immer verstanden gefühlt, genauso wie zwischen den Hafenpoldern am Skandinavienkai und ähnlich wie auf dem Montjuic. Die Glut wurde dunkler und die Nacht tiefer. Er schaute aus dem Fenster. Die Stadt träumte dunkel vor sich hin. Keine Menschenseele weit und breit, nur bunte Blätter, die im kühlen Novemberwind über die Straße tanzen. Tanzen! Tanzen bis die Seele ein Lied singt! Tanzen bis die Erde im Rhythmus bebt. Kein Adagio, eher eine Sonata Latino. Er erinnerte sich an diese Frau. Sie war Schwedin, aber nicht blond, sondern braun. Sie war Tänzerin und sie war wirklich gut und ihr Tanz glich purer Erotik. Und ihre Erotik war das Ziel. Und sein Ziel war es endlos zu lieben, zu tanzen, zu lieben bis der Tag zu Ende, bis die Nacht am tiefsten. Die Grenzen des Wahren sind nicht das Falsche, sondern das Sinnlose. Er saß unter dem mächtigen Windrad, hoch oben auf dem Berg und er lauschte dem Wind. Whumm – Whumm – Whumm! Er fühlte wie der Tag zu Ende ging, dieser endlos lange Tag. Sein Geist wurde frei und sein Herz entspannte sich. Keine Trägheit des Herzens, nichts außer dem Sinnlosen ist falsch. Er fühlte keine Schuld und so auch keine Reue. Ein neuer Tag begann!

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