~ nur für Verrückte ~

Tangente

S – P – E – R – R – G – G – E – B – I – E – T stand auf unverzierten, großen, grünen Lettern über der Kneipe am Flussufer. Und daneben, auf unscheinbarem, leicht zu übersehendem Schild: “Bei großem Andrang – Verrückte, Fleischeireifachverkäuferinnnen, Schwangere und blondgebleichte Handlungsreisende zuerst!” Hier schien sich eine Nische aufzutun. Eine Oase mitten in diesem stinkend pulsierenden Moloch Stadt. Also raus aus der Welt, rein in den Sumpf. Wichtigtuend den ollen, abgenutzten Brokatvorhang hinter der Eingangspforte überwindend das wahre Leben hinter abgedunkelten Fensterscheiben betreten. Links, deplaziert mitten im Raum ein schwuler Pianist, mit verzückter Hingabe Bach interpretierend wie Gouldt und dabei doch wie ein jämmerlicher Chopin klingend. Davor eine reihe von kleinen Tischen. Bestückt mit allem was diese Stadt so zu bieten hat. Großindustrielle, Kleingärtner und einsame Damen, welche schon bessere Zeiten gesehen haben an dem Einen.

Schüchterne Jungs vom Land, Karstadtverkäuferinnen, Abteilung Herrenoberbekleidung und etwas das aussieht wie Marlene Dietrich am Nächsten. Der Pianist, viel zu enge Plastiklederhosen tragend, gab sich beinahe aufopferungsvolle Mühe diesem, seinem Mix aus Bach-Gouldt-Chopin-geklimper einen letzten Anstrich von Größe zu geben. das Etwas, das aussah wie Marlene Dietrich ging zu ihm hinüber und hauchte verliebt: “Spiels noch mal, Dieter”. Der Blick schweift lüstern durch den Raum, über einen verliebten, schüchternen Jungen vom land, welcher gerade, zärtlich flirtend, in der süßen Karstadtverkäuferin seine große Liebe entdeckt. Vorbei an einem einsam, aber bestimmt in der Ecke (man erinnere sich bitte an die großen, alten Geschichten von den “Eckenstehern”) lehnenden, völlig charakterlosen und unmoralischen Charakterdarsteller aus dem längst geschlossenen Schauspielhaus um die Ecke. So untalentiert und tölpelhaft, dass selbst RTL2 im seit Jahren einen Job in den coolen Dienstagsnachmittags-Hausfrauen-Serien verweigert. Direkt daneben, am Rande der Bartheke tanz Frau Kunz mit Herrn Schmitt den Salsa, den sie gemeinsam vor einiger Zeit im beliebten Tanzkurs des braungebrannten Yogalehrers vom Typ Skilehrer erlernt hatten. Die Welt ist wahrlich klein und dieser laden noch viel kleiner! Hinter der lederbespannten Theke schweigt die Thekenschlampe, die außer für den Kleingärtner und möglicherweise den einsamen Charakterdarsteller schon für jeden die Beine breit gemacht hat einen unbekannten Alkoholiker, Marke Charles Bukowski, an. Jedes Gefühl und jeden Stolz trägt sie lediglich noch als dick geschminkte Fassade auf dem was einmal ihr Gesicht gewesen sein könnte. Aber sie mixt einem den besten Gin-Tonic in der Stadt und verweigert, ganz politisch korrekt, jeden Cuba-Libre. Das alleine ist es was wirklich zählt! Man kann mit ihr trinken und schweigen, aber man sollte besser nicht zu genau an ihr riechen. Was sie nicht bemerkt ist der drogensüchtige Bankangestellte vor ihr an der Theke. Die arme Sau wedelt wild seinem leeren Glas in der schwangeren Luft herum, bittend, bettelnd nach einen neuen Drink. Ein kleiner Spiegel liegt vor ihm. Schnee in dieser Wüste. Der schwule Pianist stimmt mit versteinertem Lächeln einen Mozart an, der verdächtig nach Elton John klingt. Durch diese seltsamen Klänge hindurch vernimmt man, wenn man sehr genau hinhört, ein idiotisches Gewimmer des Bankangestellten. “Fonts A ist für sie als konservativen Anleger sehr empfehlenswert…..und diese Darlehn erhalten sie von mir zu 9% fest auf zehn Jahre…” Diese wimmernden Momente sind die seltsamen, in denen er kurzfristig sogar das wildeste Glaswedeln einstellt. Der Kleingärtner wankt verträumt vorbei und versucht seine verfluchte – oder ist sie verflucht schön – Hecke imaginär um 0,5 Millimeter genauer zu stutzen als am Abend zuvor. Eine veganische Fleischereifachverkäuferin mit blassem Teint verfolgt derweil jede seiner Bewegungen, während sie sich gleichzeitig dem notgeilen Betatschen des Großindustriellen zu erwehren versucht. Letzterer haucht ihr ins Ohr: ” Gib´s schon zu, du Göttin der Fleischwurst, das Höschen ist schon ganz feucht?!” Der Blick trifft auf einen munter durch den Raum schwebenden türkischen Rosenverkäufer, der auch an diesem Abend natürlich keine einzige holländische Zuchttulpe verkaufen wird. Der Kleingärtner ist gerade mit seiner Heckenschere in einer, den Raum stützenden, dorischen Säule stecken geblieben und hampelt wild fuchtelnd herum. das sieht lustig aus. Die Welt ist lustig und dieser Laden scheint noch lustiger! Ein Postbote bringt dem Großindustriellen die tägliche Morgenzeitung. Jener nimmt von dieser jedoch keinerlei Notiz, ist er doch mittlerweile mit dem Finger dort angelangt, wo er die feuchtesten Orte der Salamikönigin vermutete. Doch nichts! Scheiß trocken! Genauso trocken wie das immer noch leere Glas des Bankangestellten, der in seiner Verzweiflung mittlerweile allen Anwesenden damit droht sie beim Finanzamt anzuschwärzen. Das Etwas, dass aussah wie Marlene Dietrich lag nun einer billigen Karikatur gleich, völlig entblößt, auf des Pianisten Klaviatur. Dieser gab, fröhlich und zufrieden über seine Homosexualität sinnend, ein letztes, erhabenes Stakkato an unzusammenhängenden Klängen zum Besten, nicht ohne Marlene gleichzeitig entrückt ein Ohr abzubeißen. Herr Schmitt tanzte den Tango mittlerweile auf nur einem Fuß. Den anderen hatte ihm Frau Kunz in einem unkonzentrierten Moment, indem sie dummerweise nur an die gebräunte Ruhe und mentale Stärke des tanzenden Yoga-Lehrers dachte, gebrochen. Die Welt ist gemein und dieser Laden scheint gemeiner! Ein lautes Klirren zieht den Blick auf sich. Gerade ist der breitbeinigen Thekenschlampe der letzte Rest ihrer lächerlichen Fassade bröckelnd auf die Theke geplumpst. Der unbekannte Alkoholiker vor ihr wacht auf, wird endgültig depressiv und geht kopfschüttelnd nach Hause. Das Schweben des türkischen Rosenverkäufers endet an der viel zu tiefen Oberkante der Toilettentür. Die Fleischereifachverkäuferin tunkt ihr sautrockenes Höschen in ein Glas Perlwein und wirft es dem Großindustriellen an den Kopf. Die Kartstadtverkäuferin strahlt über beide Wangen, heiratet sämtliche schüchternen Jungs vom Land und zeugt ungefähr 27 hässliche Kinder mit ihnen. Der Charakterdarsteller lässt sich von einem zufällig vorbeikommenden Pornoproduzenten anheuern um zusammen mit dem Postboten und dem Kleingärtner Aufklärungsfilme für alleingelassene Hausfrauen zu drehen. Die Welt ist simpel, dieser laden noch viel simpler! Der staubige Brokatvorhang schließt sich erneut. S – P – E – R – R – G – E – B – I – E – T steht über der längst geschlossenen Kneipe am Flussufer!

Keine Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird niemals weitergegeben.Erforderliche Felder sind mit einem * markiert.