Sie saßen in der Volkshochschule und genossen Waldmeistereis

Aufgewacht! Ich bin aufgewacht wie so oft. Irgendwie desorientiert. Obwohl ich das seichte Gefühl verspüre das ein letzter, kleiner Rest Illusion irgendwo zwischen Hammer, Steigbügel und Zwischenhirn, gleichfalls verloren, seinen Weg nach außen sucht. Orientierungslos, wie ich war brauchte ich einen Plan. Einen Plan für den Tag oder besser noch für weit mehr als einen schäbigen Tag-Nacht-Zyklus. Ich weiß natürlich nicht, wie es euch so geht. Derartige Situationen erscheinen nur allzu oft völlig aussichtslos, weil man zu verpeilt ist die kleinen Zeichen wahrzunehmen, die einem einen Weg aus dieser Aussichtslosigkeit weisen könnten. So ausgezeichnet mit dem Gütesiegel kompletter Hirnlosigkeit kam mir schon nach wenigen Momenten – Momenten die aus 4,5 Tassen Kaffee bestanden – die wahrhaft große und bahnbrechende Idee mich irgendwie nützlich zu machen. Es ist ja empirisch erwiesen, man kann sich auch mit völlig unnützem nützlich machen. Einfach weil man ja keine bessere Idee, keinen grandioseren Einfall sein eigen nennt.

Meine Idee nun erscheint in ihrer trivialen Einfachheit beinahe schon wieder ästethisch. Ich beschloss die Kiste mit Altpapier zu durchwühlen. Auf der Suche nach etwas brauchbarem, etwas das mich aus meiner misslichen Lage befreien könnte. Nach einem wenig Rumkramen zwischen wertlosen Rechnungen, welche ich sowieso nicht vor hatte zu bezahlen und Postwurfwendungen die für Butterfahrten in die schöne Pfalz warben erblickte ich das Jahresprogramm der örtlichen Volkshochschule. Ich suchte mit im Chaos meiner 3-Zimmer-Altbauwohnung einen stillen und gemütlichen Platz und schlug das Druckwerk erwartungsvoll, und nicht ohne Ehrfurcht, auf. Bereits die ersten Seiten offenbarten mir die Wichtigkeit einer derartigen Einrichtung für das gemeine Volk. Grund hierfür war eine wirklich prächtig und stilsicher formulierte Einleitung der Schulleiterin, einer gewissen Frau Schulte-Kampbornhof. Mit geradezu majestätischen Worten bedankte selbige sich im Verlauf ihres Prologs bei all den wichtigen Honoratioren der Stadt für die Unterstützung und im Besonderen für die Bereitstellung unglaublich hoher Haushaltsmittel. Haushaltsmittel, welche die Haushaltspositionen für die kommunale Sozialarbeit wie einen Fliegendreck erscheinen ließen. Vor allem ihr abschließender Satz, in welchem sie in knappen, aber an Größe kaum zu überbietenden Worten dem „…Lehrkörper für die im vergangenen Jahr und bei der Zusammenstellung des Programms für das kommende Jahr geleistete Arbeit von Herzen…“ dankte, lies mich die große Bedeutung dieser kommunalen Einrichtung erkennen. Bewaffnet mit einer Menge Buntstifte in allen möglichen, knalligen Farben verbrachte ich die nächste Zeit damit das Kursprogramm in all seiner Vielfalt auswendig zu lernen. Bunt markierte ich die Kurse, die versprachen mich auf meinem Lebensweg weiterzubringen, meiner Planlosigkeit ein Ende zu setzen. Sicher kennt ihr das. Ich meine man sieht die Einfachheit so mancher Lösung nicht. Man ist blind von all den Attitüden, von all den pseudointellektuellen Sprüchen auf von Mutter gebügelten Studenten-T-Shirts. Man ist taub von all den belanglosen Gesprächen auf WG-Küchenpartys. Von all dem wichtig tuenden Geschwätz zwischen zwei wahnsinnig tollen Events, die zu verpassen einem Todesurteil sehr nahe kommt. Was bleibt einem da anderes übrig als sich T-Shirts und Events schön zu saufen um am nächsten Tag mit schwerem Hirn das aktuelle Programmheft der Volkshochschule zu studieren. Man könnte auch sagen, lieber mit Frau X, 42 Jahre alt, 3 Kinder, geschieden die Schulbank im Kurs für Creative Writing teilen, als mit völlig verblödeten – und dennoch auf unergründliche Weise von sich selbst überzeugten – Zweitsemesterstudenten auf inhaltslosen Events über nichts sagende T-Shirts zu diskutieren. Ich für meinen Teil war sehr zufrieden und höchst erfreut über meinen neu gewonnenen Plan für den Tag. Nachdem ich das, mittlerweile in aller Buntheit erstrahlende, Werk der öffentlichen Organisation für Weiterbildung abgearbeitet hatte drängte es mich nach neuen Herausforderungen.

Es bedurfte lediglich eines kurzen, intensiven Brainstormings und ich fand die Aufgabe die ich suchte. Ich nahm mir ein Blatt und versuchte all die Namen meines Lieblingsmädchens in alphabetischer Reihenfolge, möglichst ohne Zuhilfenahme  von billigen Hilfsmitteln wie längst vergessenen Briefen, 2 Gramm Gras oder 3-4 Aspirin aufzuschreiben. Ihr hört richtig, ich spreche von dem einen Lieblingsmädchen. In meinem Leben zwischen Betonschluchten, Asphaltstränden und Einweggedanken gab es tatsächlich nur dieses eine Mädchen. Nur hatte selbiges viele Namen und es war eine durchaus schwierige Aufgabe selbige aus den Windungen meiner Großhirnrinde auszuquetschen. Vor allem das Sortieren nach Alter, Geschlecht, Namen oder Zeitpunkt des glücklichen Zusammenseins erforderte meine gesamte Aufmerksamkeit. Was machen sie? Ich sammle, staple und sortiere! Wahrscheinlich wäre ich heute unglaublich reich, wäre mir zur rechten Zeit die Idee gekommen ein T-Shirt mit der vielsagenden Aufschrift „Sammeln – Stapeln – Sortieren“ zu entwerfen. Noch betuchter wäre ich sicherlich hätte ich gleichzeitig eine Emo- oder Studentenpunk Band mit dem Namen „Erbtante Monica“ gegründet. Das wäre ein grandioser Rundumsorglospack für alt und jung, dümm und dümmer, dick und doof, Student und Nichtstudent gewesen. Die richtige Marketingstrategie vorausgesetzt hätte sich kaum jemand vor diesem einmaligen Angebot entziehen können. Leider kam es dazu nicht. Es fehlte mir an Talent und an der Fähigkeit den richtigen Zeitpunkt im richtigen Moment zu erkennen. Ich hätte mir die Anzeige in der örtlichen Tagespresse „Verkaufe mittelmäßigen Lebensentwurf gegen drei Bällchen Erdbeereis“ ersparen können. Auf diese Anzeige bin ich dennoch mehr als stolz, gelang es mir doch in äußerst schwierigen Verhandlungen den Redakteur des hiesigen Lokalteils davon zu überzeugen besagte Anzeige einen ganzen Monat völlig kostenfrei zu veröffentlichen. Wie mir dies gelang? Ich möchte an dieser Stelle aus Gründen des Informantenschutzes nicht all zu intim werden, darf aber verraten, dass alles mit einer brünetten 19-jährigen Volontärin zu tun hatte. Wie auch immer, ich fand meine Idee großartig, wenn auch kein einziges Bällchen Erdbeereis meine Bemühungen krönte. Am Rande sei bemerkt, dass mir bereits nach einer Woche der Anzeigenlaufzeit klar wurde, dass es wohl erfolgversprechender gewesen wäre statt 3 Bällchen Erdbeereis schon ein einziges als angemessene Entlohnung einzufordern. Noch besser wäre es vielleicht gewesen statt Erdbeereis Waldmeistereis zu fordern. Nur hätte ich in diesem fall vor dem kaum zu lösenden Problem gestanden, was mit Waldmeistereis zu tun sei, wenn man Waldmeistereis verdammt nicht mag. Wie der aufmerksame Leser, geschult durch eindrucksvolle Romane von Rosamunde Pilcher und immer gleiche Machwerke von Dan Brown, sicherlich erkennt ist es eigentlich sehr einfach einen ereignislosen Tag mit sinnlosem zu erfüllen. Man darf sich für nichts zu schade sein und vor allem sollte man all die lieb gewonnenen Hemmungen und Vorbehalte gedankenlos über Bord werfen. Ob sich hier ein neuer bahnbrechender Kurs für die Volkshochschule anbieten würde? Ich beschließe darüber in einem anderen Moment weiter nachzudenken.

Abschließend bleibt mit äußerstem Nachdruck zu erwähnen: Eure T-Shirt-Sprüche sind mir Scheißegal und ja ich kotze auf der nächsten Drittsemesterparty erneut mit Absicht zielgenau neben die Kloschüssel. Außerdem danke ich dem Lehrkörper für seine unermüdliche, aufopferungsvolle Tätigkeit im Sinne der geistigen Volksgesundheit. Humboldt und Turnvater Jahn wären mehr als stolz auf das von euch erbrachte. In diesem Sinne Waidmannsheil, Schot und Mastbruch, Leben und Leben lassen, Ducken und weglaufen, Hallali und Hallala und verdammt, nein, ich mag immer noch kein Waldmeistereis, also trollt euch ihr kleingeistigen Sprücheklopfer.

 

[weiteres aus der Serie "Dinge die einem durch den Kopf gehen...":]

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